WarenkundeKlar sind wir Freaks

Unter der Kampenwand im oberbayerischen Aschau bauen  zwei Freunde die vermutlich besten Messer Deutschlands. Messer Werk nennen sie ihr Zwei-Mann-Unternehmen. Holz-Leute war der erste Laden, der das Talent der beiden Chiemgauer erkannte. Im Interview erklären Luca und Florian, warum sie es mit ihren Klingen gar so genau nehmen. 
 
 

 

In ihrer 200 Jahre alten Schmiede im bayerischen Chiemgau bauen Luca Distler und Florian Pichler Messer aus Damaszenerstahl. So aufwendig und präzise gearbeitet, dass Liebhaber Tausende von Euro für sie hinlegen. Wir trafen die beiden Extremhandwerker zum Gespräch. Unpoliert und ohne Feinschliff.

 

Wo habt ihr Euch kennengelernt?

Luca: Flori und ich sind Sandkastenfreunde. Wir haben alles von der Pubertät über die Fir-men- bis zur Familiengründung zusammen erlebt. Haben viele Aufs und Abs gemeinsam durchgestanden. Seit mehr als zehn Jahren arbeiten wir jetzt schon in dieser Werkstatt zusammen. Und nach wie vor verbringen wir sehr viel Freizeit miteinander. Das ist nicht selbstverständlich.

Stachelt Ihr Euch noch gegenseitig an?

Florian: Klar. Das ist einer der entscheiden-den Pfeiler unserer beruflichen Partnerschaft. Und wir sind einander auch die schärfsten Kritiker.

L: Andererseits fangen wir uns aber auch gegenseitig auf, wenn etwas Blödes passiert.

Wie kam die Idee zustande, gemeinsam Messer zu bauen. Ihr habt ja ursprüng-lich als Kunstschmied und Zahntechniker gearbeitet.

F: Von Messern waren Luca und ich von klein auf fasziniert. Wie so viele Buben halt. Während unserer Lehrzeit kam dann irgend-wann die Idee, eine Klinge zu schmieden. Als wir sie geschliffen hatten, ziemlich mittelmä-ßig geschliffen aus heutiger Sicht, war die Klinge wahnsinnig scharf. Das fanden wir beide mördergeil. Daran haben wir uns fest-gebissen und immer weiter experimentiert.

L: Zuerst mit Material vom Schrottplatz und einfachen Mitteln. Und dann wurde es immer komplexer. Es gab aber nie einen Moment, wo wir uns gesagt haben, dass wir Messer im High-End-Bereich machen wollen. Das hat sich einfach so entwickelt. Aus der Leiden-schaft heraus, immer besser zu werden.

Warum bist du eigentlich nicht gleich Messerschmied geworden, Luca?

L: Die Ausbildung zum Messerschmied gab es schon lange nicht mehr. Das ist einer von den Berufen, die von der Industrie kaputt ge-macht wurden. Wir haben uns aber mit vielen alten Messermachern unterhalten, die das noch handwerklich gelernt haben. Diese Männer sind heute alle über 75.

F: Für industrielle Serienproduktionen brauchst du die Logik von Werkzeugmachern. Die wissen, wie man tausend Stück schnell und günstig hinbekommen kann. Das, was wir machen, spielt für solche Leute keine Rolle.

Eure Messer sind vom einfachen Gebrauchsgegenstand meilenweit entfernt.

L: Man muß ein Grundverständnis für handwerkliche Feinstverarbeitung haben, sonst findet man unsere Messer einfach nur sauteuer. Wenn man Bock auf sowas hat, versteht man, dass wir im Grunde genommen gar nicht teuer sind.

F: Die Art, wie wir arbeiten und das System dahinter, ist eher mit dem Kunst-Bereich vergleichbar. Was kein Zufall ist, immerhin kommt Luca aus einer Künstlerfamilie. Sein Vater ist ein bekannter Landschaftsmaler. Ein leistungsfähiges Messer bekommst du ja schon für hundert Euro. Mit unseren Messern belohnst du dich. Man muss schon diesen Spleen haben. Wie bei Uhren oder Autos.

Kurzes Zeitfenster: Nur, wenn der Stahl die exakt richtige Temperatur hat, kann er gut bearbeitet werden. "Feuer ist Gefühlssache", sagt Luca Distler. Unter dem mechanischen Hammer wird der Stahl verdichtet.

 

Was unterscheidet Euch von anderen Messerbauern?

L: Messermacher gibt es viele. Aber so intensiv, wie wir das betreiben, macht es sonst niemand. Es gibt hervorragende Messermacher, die nicht selber schmieden, es gibt welche, die schmieden wunderbaren Damast, aber machen mittelmäßige Messer, und es gibt Leute, die halt nur Jagdmesser oder sowas herstel-len. Bei uns gibt es alles tutto completto.

Wie präzise muss ein Messer bei Euch sein?

L: Wir beide arbeiten mittlerweile auf die Tausendstel Milimeter genau. Klar sind wir Freaks. Uns geht es ums Prinzip. Unsere Produkte sind deshalb extrem langlebig. So wie wir das machen, sind wir in Deutschland wahrscheinlich die Einzigen.

Ihr habt ja ein paar sehr bekannte Kunden. Hier hängt eine Karte von Neo Rauch, dem Maler. Und die Spitzengastronomie ist auch vertreten.

F: Hans Haas vom Tantris arbeitet mit einem Messer von uns. Und Heinz Winkler, der Ster-nekoch hier in Aschau auch.

L: Bei uns geben sich die Prominenten die Klinke in die Hand. Vom Schauspieler über den Unternehmer oder Politiker zum Desig-ner oder Künstler.

F: Aber wir sind nicht die Typen, die sich über sowas definieren. Für uns ist es genauso viel wert, wenn sich Frau Maier von nebenan ein Messer bei uns leistet. Deshalb werben wir auch nicht mit diesen Promi-Kunden. Das ist nicht unsere Art. Und wir haben auch noch nie jemandem aus Werbegründen ein Messer geschenkt, damit er dann mit ihm posiert.

Linkes Bild und mitte: Blätterteig aus Stahl - das typische Damaszenermuster entsteht, wenn der Stahl immer wieder gefaltet wird. Am Ende dieses Prozesses besteht er aus 360 Lagen. Rechtes Bild: Werkstatt
 

 

Wahrscheinlich verwendet Ihr viele Eurer Messer selber auch zuhause.

L: Klar, und wir sind die einzigen, die unsere B-Ware benutzen dürfen. Messer mit winzigsten Fehlern.

F: Die haben wirklich nur wir. Weder unsere Brüder, noch unsere Väter würden je eines bekommen, das nicht 100 Prozent perfekt ist.

L: Ausschussklingen werden bei uns vernichtet. Fehler passieren, das ist normal. Es gab schon Leute, die unseren Müll auf dem Bauhof durchsucht haben. Deshalb wird jetzt alles verschrottet und unbrauchbar gemacht. Dabei würde der Kunde diese Fehler wahrscheinlich gar nicht bemerken.

L: Das ist bei uns schon ein bisschen crazy: Jeder andere würde sagen: Das geht schon. Wir nicht.

Ihr schmiedet ausschließlich Damastklingen.

L: Damast ist das, was im Bewußtsein der Leute am stärksten für Handarbeit steht. Wenn du so eine Klinge siehst, assozierst du sofort Feuer, Schmied, Kraft.

Messer haben eben auch etwas archaisches.

F: Das Messer ist das älteste Werkzeug der Welt. Von daher ist es irgendwo das Ge-genstück zu den ganzen modernen Hi-Tech- Geschichten.

L: Ohne Messer gäbe es unsere ganze Kultur nicht. Die ältesten Kunstwerke der Mensch-heit sind Ritzereien in Stein, Schabungen, Knochenschnitzereien, dafür brauchst du schneidendes Werkzeug.

Was ist für Dich bei der Gestaltung wichtig?

L: Einem guten Produkt muss man seinen Zweck ansehen. Wenn du bei einem Kochmesser nicht mehr weißt, wie du es anfassen sollst vor lauter Firlefanz, das wäre ja völlig daneben. Man soll Lust bekommen, es gleich zu verwenden.

Ihr seid extrem gefragt und habt inzwischen Lieferzeiten von über einem Jahr.

L: Stimmt. Eineinhalb Jahre derzeit. Aber zum Glück gibt es bei Holz-Leute im Laden immer eine schöne Auswahl.

Florian Fackler von Holz-Leute zu Besuch in Aschau. Im Wirtshaus lässt sich die Schärfe der Messer aufs Angenehmste testen.

Text: Gero Günther, Fotografie: Peter Neusser