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Schonbehandlung für den Wald

MAGAZIN

Jahrzehntelang waren Arbeitspferde aus unseren Wäldern fast vollständig verschwunden. Jetzt sind die Kaltblüter wieder auf dem Vormarsch. Im Dienste der Ökologie und der Nachhaltigkeit.

Korbinian Arzberger schlingt die Kette um das Ende des Fichtenstamms und zieht zu. Dann gibt er seinen mächtigen, schwarzen Tieren eine kurze Anweisung, und los geht es. Routiniert ziehen die Kaltblüter das Holz, das er vor ein paar Tagen geschlagen hat, aus dem Wald. Hochkonzentriert und in zügigem Tempo. Einen Stamm nach dem anderen. Vorbei an dicken Buchen und verletzlichen Nadelbäumchen, über Wurzeln und liegengebliebene Äste, nasses Laub und Schneereste. Es ist nicht allzu weit bis zum nächsten Forstweg. Vielleicht 80 Meter. Dort wird Arzbergers Vater die Stämme später mit dem Kran auf den Forstschlepper laden und sie zu einem Polter transportieren, wie die Holzsammelplätze in der Fachsprache der Förster heißen.

Teamplayer: Biobauer Korbinian Arzberger und seine Noriker. Von Vorteil ist, dass sowohl Tier als auch Mensch über einen ruhigen und ausgeglichenen Charakter verfügen.

22 Hektar Wald bewirtschaftet Korbinian Arzberger. Schonend und naturnah. Sein Bio-Hof samt Pferden, Rindern, Freilandschweinen und Geflügel steht in Griesau, ein 200-Seelen-Dorf, 30 Kilometer östlich von Regensburg. Er hat das vernachlässigte Anwesen von seinem Opa geerbt, alles auf den Kopf gestellt, neu gebaut. Mit seiner Familie wohnt er seit drei Jahren in einem großen Blockhaus. „Da ist kein Nagel drin, keine Schraube, kein Leim“, sagt der 36jährige.

Inzwischen mischt sich Pferdeschweiß unter den Geruch von Harz, Nadeln und Waldboden. Graue Wölkchen steigen aus den Nüstern der Noriker, wie die Rasse heißt, für die sich Arzberger entschieden hat. Trittsicher sind die mehr als 700 Kilo schweren Tiere, leistungsstark und überaus beweglich. Kein Wunder, Noriker sind eine Gebirgsrasse.„Ein Kriterium, das mir bei der Entscheidung für diese Tiere sehr wichtig war“, erklärt der studierte Agrarwissenschaftler: „ist die Tatsache, dass Noriker ein sehr angenehmes Temperament haben“.

Nicht nur die Pferde, auch ihr Halter scheint, über einen ruhigen Charakter zu verfügen. Wie leise er mit seinen Tieren spricht! Ohne die Stimme zu heben gibt Arzberger seine Kommandos. Wenn man das überhaupt Kommandos nennen möchte. Eigentlich klingt es eher so, als würde er seinen Pferden Einparkhilfe leisten. Und genau darum geht es im Grunde genommen auch. Arzberger, der hinter dem Gespann hergeht, leitet Stratos und Libelle mit sanften Worten durch den Wald. Selten wird er einmal lauter.

„Es würde nicht funktionieren“, erklärt der Land- und Forstwirt, „wenn ich den Pferden einfach meinen Willen aufzwingen wollte“. Die Motivation müsse von den Tieren selber kommen. Sie selbst, so der Oberpfälzer, wollen sich bewegen, sich nützlich machen, und Spaß dabei empfinden, ihre Muskeln spielen zu lassen. „Wir sind ein Team“, erklärt der drahtige Mann mit dem Bart: „Ein Team, das zusammen einen guten Job machen will“.

Transportmittel ohne Emissionen

Arzberger kennt seine Noriker ganz genau. Sein erstes Pferd hat er mit 9 Jahren bekommen und schon während des Studiums hat er Holz mit Pferden gerückt. Auch seine Masterarbeit beschäftigt sich mit dem Thema. Auf den Spuren von Zugpferden ist Arzberger duch halb Europa gereist, durch Osteuropa, Belgien, Frankreich und Luxemburg. „Es hat etwas mit Anstand zu tun, möglichst viel über die Tiere zu wissen, die ich halte“, sagt er.

Seine sechs Kaltblüter hat Arzberger selbst aufgezogen. Mit der Ausbildung beginnt er erst, wenn die Tiere bereits drei bis vier Jahre alt sind. Man spürt wie innig sein Verhältnis zu den mächtigen Pferden ist. Er horcht in sie hinein, tauscht sich mit ihnen aus, ein echter Kaltblüterflüsterer. Längst ist Korbinian Arzberger nicht mehr nur in seinem eigenen Wald unterwegs. Der Mann und seine Pferde sind gesuchte Experten. Man kann sie buchen. Und viele Waldbesitzer tun das. Ihrem Forst und der Umwelt zuliebe. Seit einigen Jahren sind Kaltblüter, die durch die Mechanisierung der Land- und Forswirtschaft fast vollständig aus den deutschen Landschaften verschwunden waren, wieder auf dem Vormarsch. Und das obwohl es heute vollautomatisierte Erntemaschinen gibt, die mit langen Armen in den Wald greifen, um Bäume zu fällen, entasten und in Abschnitte zu zersägen. Sekundenschnell. Diese sogenannten Harvester sind höchsteffizient, aber eben auch brachial. Ganz abgesehen davon, dass sie nicht in jedem Terrain funktionieren.

Wenn der Hang zu steil, der Boden zu feucht oder von Felsen übersät ist, haben Harvester keine Chance. „Ganz im Gegensatz zu meinen Kaltblütern“, sagt Arzberger. „Meine Arbeitspferde sind eine schonende Alternative zu mechanisierten Verfahren oder Seilwinden“. Und auch in normalem Gelände bieten die Kettensäge und die Pferderückung Vorteile. Vor allem braucht man nur halb so viele Rückegassen, wie die Wege heißen, auf denen Traktoren und Schlepper fahren, um das Holz zu den Sammelstellen zu bringen. Wer mit Pferden arbeitet, so Arzberger, könne die Abstände zwischen den Rückegassen verdoppeln und hat damit natürlich deutlich mehr Wuchsfläche zur Verfügung.

Vor allem aus ökologischen Gründen kommen Arbeitspferde heute wieder stärker zum Einsatz. „Meine Pferde sind emissionsfrei, verursachen keinen Lärm und ernähren sich von den eigenen Flächen“. Sie schonen nicht nur die Böden, sondern auch die Stämme der umliegenden Bäume und die Jungpflanzen sowieso. „Im Waldboden sind Wasser und Nährstoffe gespeichert“, erklärt Arzberger: „Man sollte dementsprechend pfleglich mit ihm umgehen“. Seinen eigenen Wald baut Arzberger seit Jahren um. Nachhaltiger und resilienter soll er in Zeiten des akuten Klimawandels werden. Neben Fichten wachsen hier Lärchen, Douglasien und Kiefern, Roteichen und Buchen. 14 verschiedene Baumarten auf engem Raum.

Oft werden Arzberger und seine Pferde für Arbeiten in Natur- oder Wasserschutzgebieten gebucht. Seine Kaltblüter hinterlassen keine Furchen, Schäden oder Ölflecken. Und ziehen trotzdem zuverlässig schwerste Lasten auch aus dichten Wäldern. Seine Expertise gibt Korbinian Arzberger inzwischen auch an andere weiter. Er bietet Schulungen an, unterrichtet an der Fakultät für Wald und Forstwirtschaft in Weihenstephan.

„Pferderückung ist gerade hip“, sagt der Oberpfälzer, „aber sie muß auch wirtschaftlich sein“. Es dürfe nicht darum gehen, die rückwärtsgewandten Vorstellungen von Nostalgikern und Traditionalisten zu bedienen. „Auch wenn viele das glauben wollen, arbeiten wir nicht wie vor 100 Jahren“, sagt Arzberger:„Unsere Pferde werden ganz anders ausgebildet und behandelt als damals“. Und was ihm ganz wichtig ist: „Meine Ausrüstung ist modern.“ Die Geschirre aus leichtem Kunststoff hat er aus den USA bestellt. Die Ketten sind aus hochverdichtetem Stahl und ultraleicht. Das kommt seinen Pferden genauso zugute wie ihm selbst. Und überhaupt, er habe überhaupt nichts gegen Technik, sagt Arzberger. Nur müsse sie an den richtigen Orten zum Einsatz kommen. Aber jetzt ist die Arbeit für heute erst einmal getan. Die Pferde werden ausgeschirrt und abgerieben. Korbinian Arzberger spricht noch ein paar Worte mit seinen Tieren, ehe er sie wieder auf dem Hof bringt. „Es ist wichtig, dass wir nach getaner Arbeit alle ein gutes Gefühl haben. Die Tiere und ich auch“.